Apothekensterben: Verbände schlagen Alarm

Von Birgit Ruder, Sprecherin für Pflege und Gesundheit



wolfgang.kaiser@bfa-verein.de
Ist die Arzneimittelversorgung gefährdet?

Als Apotheke, die nur von einem staatlich geprüften Apotheker geführt werden darf, wird laut Wikipedia ein Ort bezeichnet, an dem Arzneimittel und Medizinprodukte abgegeben, geprüft und hergestellt werden. Das klingt nicht nur spannend und gut, es verbreitet auch das Gefühl von Sicherheit – zumal Apotheken ihren gesetzlichen Auftrag als Teil des Gesundheitssystems erfüllen, da sie die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung ordnungsgemäß sicherzustellen haben.

Ein Umstand, der beruhigt. Doch die Realität in Deutschland sieht anders aus.

Es ist ein schleichender Prozess, den man kaum bemerkt, solange man nicht selbst betroffen und angewiesen ist: Immer mehr Apotheken vor Ort schließen - rein rechnerisch ist es täglich eine. Im März 2022 sank die Zahl der Häuser auf einen neuen Tiefstand von 18.362. Die Apothekerverbände schlagen inzwischen Alarm, denn mittlerweile gibt es in mehr als 6.300 deutschen Gemeinden keine einzige Apotheke mehr.


Warum brauchen wir im Arzneimittelmarkt Apotheken vor Ort und warum müssen wir diese schützen und stärken? Um dies zu verdeutlichen, konzentrieren wir uns auf ein Beispiel: Werbung für Arzneimittel.


Was Werbung darf, ist teilweise eine Zumutung! Und so kommt es, dass Arzneimittel frei verkäuflich angepriesen werden, die völlig ohne Nachweis den Anschein erwecken, bei bestimmten Erkrankungen wirksam zu sein. In vielen Fällen handelt es sich überhaupt nicht um Arzneimittel. Suggerierten Wirkungen fehlen meist jegliche Dokumentationen und seriöse Studienprotokolle.


In den Apotheken vor Ort kann Kunden und Patienten so etwas nicht passieren. Sowohl der Sachverstand als auch die rechtlichen Vorgaben für öffentliche Apotheken erlauben derart unseriöses und schlimmstenfalls gesundheitsschädigendes Gebaren nicht.


Heute gibt es ganze Industriezweige, die nichts anderes machen als „Gesundheitsmittel“ an Patienten, aber auch Gesunde zu verkaufen. Der Gesundheitsmarkt ist in großem Stil lukrativ.

Die Apotheke vor Ort filtert und darf sich gar nicht nur für optimalen Gewinn interessieren. Wenn ein Arzneimittel nicht sinnvoll oder gar schädlich ist, findet kein Verkauf statt. Der Apotheker hat zudem eine Beratungspflicht, für die er nicht gesondert bezahlt wird. Viele der vorhandenen Arzneimittel darf er in der Selbstmedikation nicht anbieten. Zudem muss er seine Kosten durch den Verkauf von Waren, vor allem Arzneimitteln, decken - egal wie hoch z. B. die Ausgaben für Beschaffung, Beratung, Herstellung, Lagerung und Transport eines rezeptpflichtigen Arzneimittels sind. Der Preis für Arzneimittel, die der sogenannten Festpreisverordnung unterliegen, ist in jeder Apotheke gleich. Das ist auch gut so, denn echte Arzneimittel sind „besondere Güter“, die nicht nach dem Motto „wer kann noch billiger?“ verramscht werden dürfen.


In der Praxis sieht das mittlerweile oft anders aus: Der Kunde lässt sich in der Apotheke kostenlos beraten und bestellt dann in der Online-Versandapotheke – und dies macht den örtlichen Apotheken schwer zu schaffen.

Eine solche Online-Apotheke ist Amazon Pharmacy, die in den USA bereits am Markt ist und nun auch in Deutschland starten will. Das könnte das Apothekensterben vor Ort nochmals beschleunigen.


Fakt ist: Inhabergeführte Apotheken vor Ort leisten in allen Teilen unseres Landes einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung der Menschen. Immer mehr Apotheker geben trotzdem auf, weil sie politisch nicht geschützt werden, Gewinnspannen und Solidarität der Endverbraucher schrumpfen und der bürokratische Wahnsinn überhandnimmt.

Daraus resultieren schlussendlich personelle und wirtschaftliche Probleme. Welcher potenzielle Nachfolger will schon eine Apotheke vor Ort übernehmen, wenn die Perspektive fehlt?


Abgesehen davon, dass keine einzige Online-Versandapotheke die Vorgaben der Apothekenbetriebsordnung erfüllt (Labor, Rezeptur, Tarif- und Kassenverträge), ist die Regelung des Apothekennotdienstes spannend. Regionale Apotheken, Aufsichtsbehörden und die jeweiligen Landesapothekerkammern stimmen sich ab, weil Arzneimittel bundesweit in Notfällen rund um die Uhr verfügbar sein müssen. Eine Apotheke vor Ort, die sich am Notdienst nicht beteiligen wollte, bekäme keine Betriebserlaubnis. Online-Versandapotheken müssen dieser Verpflichtung zum Notdienst jedoch nicht nachzukommen. Allein das ist schon eine unerträgliche Wettbewerbsverzerrung.

Die bewusste Schädigung bis hin zur Zerstörung der Apotheke vor Ort?


Der BFA will die Apotheke vor Ort erhalten und stärken, um somit auch das Fachpersonal als kompetente Berater zu erhalten. Deshalb fordert der Verein, dass Apotheken vor Ort politisch geschützt und bürokratisch deutlich entlastet werden, damit wieder angemessene Gewinnspannen erwirtschaftet werden können.



(BFA - 27.10.2022)


Mehr von und über Birgit Ruder finden Sie HIER


35 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen