Die Postmoderne und ihre Krise

Eine Expertise von Dr. Günter Dedié, BFA-Sprecher für Gesellschaft, Forschung und Wissenschaft



wolfgang.kaiser@bfa-verein.de
Unser Autor Günter Dedié fragt: Was beschert uns die postmoderne Dialektik?

Im Jahre 1960 rief der amerikanische Soziologe Daniel Bell in seinem gleichnamigen Buch „das Ende der Ideologien“ aus. Er hatte den Niedergang der großen Klassenideologien des 19. Jahrhunderts in den kapitalistischen Ländern des Westens erwartet, weil die Wohlfahrtspolitik und die demokratische Partizipation der Bürger die sozialen Konflikte entschärfen würde.


Noch bestehende soziale Probleme würden pragmatisch und im Konsens behandelt. In der Zeit der sozialen Marktwirtschaft war ein derartiger Trend auch durchaus vorstellbar.


Mit dem Import des extremen Neoliberalismus aus den USA ab den 1980er Jahren hatte sich jedoch bereits wieder eine neue Ideologie etabliert. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des real existierenden Kommunismus trat dann lediglich eine „Balkanisierung“ der Ideologien ein: Es bildeten sich zahlreiche neue, „kleinere“ Ideologien für Menschen und Organisationen, die dafür empfänglich sind und einen Nutzen davon haben. Diese als Political Correctness bezeichnete Entwicklung wurde auch schon mal als „Rache des Marxismus“ bezeichnet.


Auch die Postmoderne (Jean-Francois Lyotard) sollte das „Ende der Großen Erzählungen“ bringen, der großen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie sollten durch Diskurse über eine Vielzahl von Wahrheits- und Gerechtigkeitsbegriffen abgelöst werden. Die Diskurse betreffen aber nur die Begriffe und nicht Sachverhalte. Sie vermeiden Argumente und systematische Ursache-Wirkungs-Erörterungen. Lyotard war ein Gegner aller systematischen weltanschaulichen Erklärungen. Das schließt die systematischen Theorien der Naturwissenschaften mit ein. „Die Postmoderne ist die äußerste Antithese zur Aufklärung. Aufklärer glauben, dass wir alles wissen können, radikale Postmoderne glauben, dass wir nichts wissen können.“ (E.O. Wilson: Die Einheit der Wissenschaft, 1998) .


Die postmoderne Dialektik hat uns aber wegen der fehlenden Empirie und Systematik nur die modernen Gesinnungsdiktaturen beschert. „Mehr als jedes andere Kulturgut sind die (natur-) wissenschaftlichen Erkenntnisse das kollektive Eigentum der ganzen Menschheit“, und zwar ein verbindendes Kulturgut (Konrad Lorenz: Das sogenannte Böse, 1962). Hinzu kommt, dass es viel leichter ist, „… die Wahrheit zu erzählen, als ein Gewebe von Lügen zu spinnen.“


Die Kultur der Postmoderne wird von den literarisch gebildeten Intellektuellen geprägt, die in den „Speckgürteln“ der Großstädte leben. Diese werden mit Literatur ausgebildet und erzeugen selbst Literatur, die überwiegend frei erfunden und an künstlerischen Aspekten orientiert ist. Deshalb haben sie zu wenig Kontakt mit den Problemen des wirklichen Lebens. Sie lehnen Sachorientierung und Systematik ab und lieben mehr oder weniger erfundene Texte, die heute „Narrative“ genannt.


Die Entwicklung der Postmoderne ging weiter bis zum sog. Positivismus-Streit (Karl Popper vs. Theodor W. Adorno). Nach Adorno muss das systematische und deduktive Denken gesellschaftliche Widersprüche ablehnen, da es an seiner Basis untrennbar an die Logik gekettet sei. Deshalb sind seine Ergebnisse nicht vereinbar mit einer Wahrheit, die aus dem dialektischen Denken folgt. In der gesellschaftlichen Realität treten diese Widersprüche aber nicht auf, weil es bei der Dialektik nur um statisch wirksame Begriffe geht, und nicht um die dynamischen Prozesse, die die Wirklichkeit beherrschen.


Popper postuliert einheitliche Methoden von Natur- und Sozialwissenschaften, einschließlich der Verifikation der Lösungsansätze, die vergleichbar sind zur Arbeitsmethode der empirischen Wissenschaften. Dies gilt nicht nur für die neueren Ergebnissen der empirischen Wissenschaften, sondern auch für viele andere Themen der menschlichen Gesellschaft, die durch jahrzehntelange ideologische Desinformation zugemüllt wurden. Beispiele dafür sind Begriffe wie westliche Werte, Menschenrechte und Demokratie, die nur noch als sinnentleerte Schlagworte durch Politik und Medien geistern.


Die WerteUnion beispielsweise ist ein eingetragener Verein, der für sich beansprucht, mit „Freiheit statt Sozialismus“ einen konservativen Markenkern der CDU zu vertreten. Nach einer Definition von Werten sucht man in der Internetseite der WerteUnion aber vergebens. Der Grund dürfte sein, dass Werte als moralisch für gut betrachtete Eigenschaften, Qualitäten oder Normen nur subjektiv für eine Person oder Institution gültig sind, und nicht wie ethische Regeln objektivierbar sind („idealistischer Fehlschluss“; Mario Bunge, Martin Mahner: Über die Natur der Dinge, 2004).


Nach einigen Jahrzehnten der Postmoderne ist deshalb eine neue Aufklärung dringend nötig, denn die Postmoderne „hat eine verbrannte Erde der Begriffe hinterlassen, die wir erst wieder rekultivieren müssen“ (nach Matthias Burchardt, 2022).




(BFA - 15.08.2022)


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