Hohe Abbruchquoten beim Studium

Dr. Frank Brodehl: Hochschulzugangsberechtigung ist nicht Hochschulreife



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Dr. Frank Brodehl ist Sprecher für Schule und Bildung

Die Studienabbruchquote hat sich laut Erhebung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) trotz der gravierenden Einschränkungen infolge der Coronamaßnahmen im vergangenen Jahr „nicht wesentlich“ erhöht.


Betrachtet man die einzelnen Zahlen des DZHW genauer, wird jedoch deutlich, was die als Erfolgsmeldung formulierte Mitteilung tatsächlich bedeutet. Von den Anfängerjahrgängen 2016/17 haben 28 Prozent aller Bachelor-Studenten (vor Corona 27) und 21 Prozent aller Master-Studenten ihr Studium abgebrochen.


Besonders hoch liegen die Abbrecherquoten an den Universitäten in den Geisteswissenschaften mit 49 und in Mathematik und Naturwissenschaften mit 50 Prozent. Das DZHW kommentiert diese Zahlen lapidar mit den Worten „Trotz vielfältiger Anstrengungen beenden jedoch nicht wenige Bachelor- wie auch Masterstudierende ihr Studium erfolglos“. Damit werden einmal mehr die Hochschulen für den Studienerfolg ihrer Absolventen verantwortlich gemacht, anstatt die grundlegende Frage anzugehen, inwieweit sich eigentlich noch Hochschulzugangsberechtigung und Hochschulreife decken.


Das berechtigte Anliegen, jedem jungen Menschen zu einem möglichst hohen Bildungsabschluss zu verhelfen, wird zunehmend ad absurdum geführt, wenn im Geiste der Gleichheitspädagogik letztlich das Abitur für alle angestrebt wird. Zunächst darf nicht vergessen werden, dass hinter den genannten Abbrecherquoten hunderttausende Einzelschicksale stehen: Junge Leute, denen eine Studienreife suggeriert wurde, brechen ihr Studium ab, sei es, aus Überforderung oder deshalb, weil sie völlig falsche Vorstellungen bezüglich des angestrebten Berufes hatten. Nicht wenige fragen sich nach einer erzwungenen Neuorientierung zu recht, warum sie sich überhaupt in Richtung Studium haben drängen lassen. Nicht unbedeutender sind die gesamtgesellschaftlichen Folgen dessen, dass sich die Studienanfängerzahlen seit Mitte der 1990er Jahre innerhalb von nur 15 Jahren von rund 250.000 auf über 500.000 erhöht haben und seitdem auf diesem Niveau stagnieren (500.000 Studienanfänger pro Jahr entsprechen eine Quote von mehr als 55 Prozent eines gesamten Jahrgangs): Der Nachwuchs in den nicht-akademisierten Berufen bricht mehr und mehr weg.

Zynisch erscheinen in diesem Zusammenhang Forderungen nach einer Ausbildungsplatzgarantie, wie sie regelmäßig von SPD, Grünen und Gewerkschaften gestellt werden. Denn es mangelt nicht an Ausbildungsplätzen, sondern an Ausbildungsbewerbern. Ein Großteil davon findet sich eben genau in der Gruppe der Studienabbrecher wieder - oder, es kann auch noch schlimmer kommen - in der Gruppe derjenigen, die trotz eines erfolgreichen Studienabschlusses arbeitslos sind, denn längst zieht ein abgeschlossenes Studium keine Arbeitsplatzgarantie mehr nach sich.


Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, dass man dort mit ähnlichen Herausforderungen kämpft, in den meisten Fällen kommt dort aber – trotz vergleichbar hoher Studiums-Quoten – eine deutlich höhere Jugendarbeitslosigkeit hinzu. In Spanien, um nur auf ein Land einzugehen, wird die Hochschulzugangsberechtigung deshalb nicht nur durch das Abitur verliehen, sondern ist zusätzlich an eine zentrale Eignungsprüfung gebunden, der »Prueba de acceso para la universidad« (Selectividad). Eine Trendwende konnte hierdurch jedoch ebenso wenig erreicht werden wie in Deutschland, wo Universitäten Förderkurse in Deutsch und Mathematik eingerichtet haben, um Studienanfängern nachträglich doch noch zu einer Hochschulreife zu verhelfen.

Beides, die Selectividad in Spanien und die Stützkurse in Deutschland, sind gut gemeint, gehen aber am eigentlichen Problem vorbei, denn eine wirkliche Studierfähigkeit benötigt eine deutlich längere und intensivere Anbahnung, als dies im Rahmen von allenfalls halbjährigen Turbo-Büffel-Phasen möglich ist. Dies führt unweigerlich zu der Frage, ob Hochschulreife besser im gegliederten oder im Einheitsschulsystem erreicht werden kann. Für die Beantwortung der Frage muss allerdings Konsens darüber bestehen, dass Schulen weiterhin eine Allokationsfunktion zukommt, also die Aufgabe, Schüler auf die unterschiedlichsten Berufsfelder und -laufbahnen vorzubereiten. Angehenden Lehramtsstudenten wird die Allokationsfunktion von Schule (als eine unter vielen anderen!) bereits im ersten Semester nahegebracht; allein die politischen Verantwortungsträger lehnen sie mehr und mehr als unzeitgemäß ab. Zunächst wurde sie von den SPD-geführten Ländern zugunsten der „Chancengleichheit“ geopfert, längst hat aber auch die einstmals bürgerliche Union ihren Frieden mit der Gleichheitspädagogik ohne „Selektion“, ohne Noten und vor allem ohne schulischen Leistungsdruck gemacht.

Insofern darf es nicht verwundern, dass auch angesichts der neusten Studienabbrecherzahlen die längst überfällige Ansage der verantwortlichen Bildungspolitiker ausbleibt: Aufgabe von Schule ist es nicht, möglichst vielen Schülern eine Hochschulzugangsberechtigung zu verschaffen, sondern für möglichst alle Schüler passgenaue Chancen zu eröffnen




(BFA - 19.09.2022)


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