Rekonstruktion der Bürgerlichkeit

Eine Expertise von Professor Dr. Heinz Theisen



wolfgang.kaiser@bfa-verein.de
Der Autor ist Sprecher des Fachbereiches "Europa, Naher Osten, Konflikt der Kulturen"

Bürgerlichkeit fordert von ihrem Kern her immer den Ausgleich der Gegensätze, von Ora et Labora, ideellen und materiellen Interessen, Arbeit und Freizeit, von Rechten und Pflichten, Eigen- und Gemeininteressen, gegenwärtigen und zukünftigen Sorgen, von Fördern und Fordern.


Diese Haltung begünstigte den Aufstieg der Industriegesellschaft, der Sozialen Marktwirtschaft und der rechtsstaatlichen Demokratie. Sie wird auch für eine Selbstbehauptung Europas und des Westens unverzichtbar sein.


Insofern ist es beunruhigend, dass heute einerseits über die Globalisierung und andererseits über den mikroidentitären Identitätswahn das Bürgertum gleich von zwei Seiten angefochten wird. Der wirtschaftliche Mittelstand ist in den Entgrenzungen der Globalisierung massiv unter Druck geraten. Er hat gegenüber den neuen Oligopolen kaum Chancen, da diese die weltweit günstigsten Produktionsbedingungen ausnutzen und sich zugleich den lokalen Steuerpflichten entziehen konnten.

In der Gesellschaftspolitik ist es an Hochschulen, danach in Medien und Politik, zunehmend lautstarken Minderheiten gelungen, bürgerliche Lebensformen - von der Familie bis in den Staat hinein – zu dekonstruieren und durch eine dezidiert antibürgerliche Haltung zu setzen – bis weit in einstmals bürgerliche Kreise und Parteien hinein.


Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich andere Teile des alten Bürgertums zum Wutbürgertum entwickelten. Donald Trump oder auch die Gelbwesten wollten konservative Gegenrevolutionen einleiten, denen wiederum die Grundierung des alten Bildungs- und Besitzbürgertums fehlte. Konservative sind keine guten Revolutionäre, sie müssen sich evolutionär aus der eigenen Kultur entwickeln. Schon ein Blick auf das Personal des Wutbürgertums zeigt, dass diese Voraussetzung hier nicht ausreichend gegeben ist.


Global und Local Player


Der »Weltbürger« ist ein Widerspruch in sich. Bürger kommt von Burg, er will das Eigene beschützen. Der große gesellschaftliche Konflikt unserer Zeit, handelt zwischen Global und Local Playern, zwischen Weltoffenheit hier und Grenz- und Schutzbedürfnissen dort. Kontrollfähige Grenzen zwischen den Nationen, oder im Falle des europäischen Binnenmarktes sind kein Ausdruck einer „rechten“ Gesinnung, sondern dieser bürgerlichen Grundhaltung.

Grenzen muss es in jeder Hinsicht unseres Lebens, auch hinsichtlich schützender Staatlichkeit geben. Klare Grenzziehungen wären schließlich auch zwischen den Imperien von größter Bedeutung. Letztlich war es die unklare Kulturgrenze in der Ukraine und dann darüber hinaus zwischen Russland und der Nato, die den Krieg in der Ukraine mitverursacht hat.


Nach dem politischen und ökonomischen Decoupling Russlands und der immer nationalistischeren Politik Chinas kommt die entgrenzte Form der Globalisierung an ihr Ende. Eine gesteuerte, mit schützenden Elementen eingebaute Globalisierung, erfordert keine Neuerfindung der Welt, sondern kann an die besten Schätze unserer Geistesgeschichte anknüpfen. In der griechischen Mythologie galten Grenzüberschreitungen noch als Ausdruck von Hybris. Im Naturrechtsdenken war es immer selbstverständlich, dass eine grenzenlose Freiheit keinen Bestand haben kann. Der Ordo-Liberalismus stellte die Wirtschaft in den Rahmen staatlicher und sittlicher Gesetze.

Auch der Nationalstaat steht nicht im Gegensatz, sondern in Ergänzung und im Rahmen von europäischen und westlichen Interessen. Mit der altideologischen Spaltung nach »Links« und »Rechts« haben solche Ergänzungen nichts zu tun. Die Synthese von globalen und lokalen Bemühungen, im Folgenden »glokal« genannt, müssen sich von solchen Kategorien lösen und nach dritten Wegen suchen. Ist es denn »rechts«, wenn dänische Sozialdemokraten die Asylgesetze ändern, um den dänischen Sozialstaat zu erhalten?

Von der Dekonstruktion zur Rekonstruktion des Bürgertums


Die Europäer können es sich nicht mehr lange leisten, die Gesetze der Evolution zu ignorieren und den Schutz des Eigenen utopisch-globalen Parolen zu opfern. Der heute geforderte glokale Bürger wäre zugleich Patriot, Europäer und Atlantiker. Er würde sich statt nur dem Weiten auch wieder dem Nahen und dem Ausgleich zwischen der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeit widmen. Und er würde Grenzen setzen, nach innen und außen.

Es geht, denken wir an die Wahlergebnisse in Frankreich oder in den USA, auf Dauer nicht an, mehr als 40 Prozent der eigenen Bürger als Populisten, Nationalisten oder gar als Faschisten zu diskreditieren. Auf die Straßenschläue und den gesunden Menschenverstand der „kleinen Leute“, die sich im Gegensatz zu den Angehörigen des politisch-medialen Komplexes alltäglich behaupten müssen, können Demokratien nicht länger verzichten.

Aber deren Grenzen liegen oft in der Abstraktionsfähigkeit der eigenen Interessen. Die Brücke zwischen zu fernem und zu nahem Denken wäre, mehr als die prekären Akademiker, die heute Deutschland regieren, gebildete, verantwortungsbewusste, beruflich bewährte Bürger dazu zu berufen, die Weltoffenheit um Realitätsoffenheit zu ergänzen.

Bevor die Rekonstruktion des Bürgertums einsetzen kann, müssen wir darauf hoffen, dass die „schöpferische Zerstörung“ (Joseph Schumpeter) nicht nur für wirtschaftliche, sondern auch für kulturelle Prozesse gilt und sich daher die Dekonstruktionen angesichts der großen Herausforderungen der Zeit selbst widerlegt. Nach dem Zusammenschluss von Russland und China ist von der Dekonstruktion des politischen Westens nicht mehr die Rede.

Mit den wachsenden Gefahren von außen werden die dekonstruierten bürgerlichen Haltungen wieder an Bedeutung gewinnen. Die bürgerliche Gesellschaftsordnung hat glücklicherweise so viele Voraussetzungen von Offenheit und Vielfalt gelegt, dass Reste bürgerlicher Haltungen fortbestehen konnten.

Sie gilt es heute wieder zu sammeln und zusammenzuführen.




(BFA - 02.08.2022)


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