USA und Russland: Ein wesentlicher moralischer Unterschied

Aktualisiert: 16. Mai

von Dr. Wolfgang Schlage



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Dr. Wolfgang Schlage

In der gegenwärtigen Diskussion, gerade auch im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, werden die Vereinigten Staaten und Russland moralisch häufig gleichgesetzt. Natürlich würde Russland imperiale Interessen vertreten, aber das täten die USA schließlich auch. Natürlich beginge Russland Kriegsverbrechen, aber die USA auch. Natürlich sei Russland auf den eigenen Vorteil bedacht, aber das seien auch die USA. Und ebenso wie man freundliche Amerikaner kennen würde, so gebe es auch viele nette, freundliche Russen.


Diese Argumentation übersieht einen großen Unterschied, der auch bei der moralischen oder ethischen Beurteilung von großer Bedeutung ist: Russland (bis 1990 in seiner Gestalt als Sowjetunion) herrscht als Imperium, die USA dominieren als Hegemonie. Welches sind die Unterschiede?


Imperium vs. Hegemonie


Ein Imperium – so wie die Politikwissenschaft den Begriff definiert – herrscht durch seine militärische Macht. Seinen Einflussbereich erweitert es durch Eroberungen. Es finanziert sich durch Tribut, den es seinen unterworfenen Mitgliedern abverlangt. Ziel des Imperiums ist die Stabilisierung der Hierarchie mit der eigenen Macht an der Spitze und die Finanzierung seiner Eliten.


Ein Hegemon – hier ebenfalls im Sinne des politikwissenschaftlichen Fachbegriffs verstanden – hingegen dominiert durch die Schaffung einer internationalen Ordnung. Kern dieser internationalen Ordnung sind Sicherheit im militärischen und Stabilität im wirtschaftlichen Sinne. Dazu gehören zum Beispiel die Freiheit und Sicherheit der internationalen Handelswege, etwa die Verhinderung von Piraterie, ein brauchbares internationales Handelsrecht, ein Weltfinanzsystem und Ähnliches. Der Hegemon ist bereit, zur Schaffung dieser internationalen Ordnung, erhebliche Kosten auf sich zu nehmen, etwa die Finanzierung von Militär zur Sicherung der Handelswege.


Der Autor

Dr. Wolfgang Schlage, Jahrgang 1954, ist studierter Volkswirt und erwarb in den USA zudem den Master in Psychotherapie. Seine volkswirtschaftliche Promotion untersucht die Wirksamkeit preislicher Instrumente in der Umweltpolitik. Er war an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität München und später im Bereich der Vermögensverwaltung tätig. Während eines 10-jährigen USA-Aufenthalts arbeitete er nach seinem Studium in der Notfallpsychiatrie. Inzwischen ist er im Ruhestand.


An der Seite von Professor Bernd Lucke engagierte er sich politisch zunächst in der AfD, die er mit ihm 2015 wieder verließ. Im Anschluss trat er der LKR bei. Seit 2019 ist er Landesvorsitzender in Hamburg.


Wolfgang Schlage fokussiert zurzeit sein Interesse auf das Zusammenspiel von Sozialpsychologie, Wirtschaftspolitik und Politik allgemein; ein Spezialinteresse ist die Reform der jetzigen dysfunktionalen Parteiendemokratie. Seit April 2022 ist er Mitglied des BFA.


Der Hegemon schafft diese Ordnung, weil sie ihm Nutzen verschafft, weil sie für ihn besser ist als eine internationale Ordnung der Gesetzlosigkeit. Aber wenn diese Ordnung einmal hergestellt ist, können auch andere, die diese Ordnung nicht selbst hergestellt haben, von diesen Leistungen profitieren. Dies gilt auch dann, wenn die anderen, die "kleinen Länder", sich nicht an den Kosten beteiligen, die bei der Herstellung der internationalen Ordnung anfallen.


Die vom Hegemon geschaffene Ordnung ist also nicht nur für den Hegemon selbst, sondern auch für andere Länder attraktiv. Viele entscheiden sich daher freiwillig, die Führerschaft des Hegemonen anzuerkennen, damit sie sich beteiligen können. Sie profitieren damit von der Aufrechterhaltung der internationalen Ordnung, die der Hegemon unter nicht unbeträchtlichen Kosten auf sich genommen hat, und zwar auch dann, wenn sie sich nicht oder nur wenig an diesen Kosten beteiligen.


Der Unterschied zwischen Imperium und Hegemonialreich ist moralisch bedeutsam. Ein Hegemonialreich ermöglicht es den Mitgliedern unter dem Schutzschirm des Hegemonen wirtschaftlich und kulturell zu gedeihen. Solange die Mitglieder die Kernspielregeln akzeptieren, sind sie weder militärisch noch politisch gezwungen, sich dem Hegemonen anzupassen. Die Mitglieder passen sich vielfach freiwillig an, weil sie der kulturellen Ausstrahlung des Hegemonen nicht widerstehen können; der Hegemon herrscht zum großen Teil durch die »Softpower« seiner Attraktivität. Ein Imperium hingegen herrscht durch die Macht seines Militärs; die Freiwilligkeit seiner Mitglieder spielt keine Rolle. Ein Imperium dürfen Länder in der Regel nicht straflos verlassen, in einer hegemonialen Ordnung hingegen sie können häufig selbst entscheiden, in welchem Ausmaß sie sich beteiligen wollen, wenn überhaupt.


Soweit die Beschreibung der Idealtypen. Natürlich gibt es in der Wirklichkeit diese Idealtypen nicht; Hegemonien haben in der Realität immer auch imperiale Züge und Imperien einige Züge eines Hegemons. Es ist aber nicht verkehrt zu sagen, dass spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs die USA die Rolle eines Hegemons angenommen haben, während Russland als ein Imperium agiert.


USA vs. Russland


So haben die USA nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem folgende internationale Leistungen der Welt zur Verfügung gestellt: Garantie und Organisation eines liberalen Welthandels- und Weltfinanzsystems mit seinen vielen Institutionen (IWF, Weltbank, Welthandelsorganisation WTO, weitgehende internationale Rechtssicherheit), dazu die Sicherung der Weltölversorgung und nebenbei die Etablierung von Englisch als lingua franca der Beteiligten.


Ebenso haben sie den enormen technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, den die USA produzieren, mit wenigen Einschränkungen (Patentrecht, militärische Sicherheit) der Welt frei zugänglich gemacht. Länder, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg dem amerikanischen Einflussbereich anschlossen, hatten gute Gelegenheit, aus Armut und Unterentwicklung herauszukommen. Das vom Krieg zerstörte Westeuropa, aber auch viele Länder Ostasiens und Südostasiens haben davon enorm profitiert.


Die Länder im Herrschaftsbereich Russlands, bis 1990 in Gestalt der Sowjetunion, haben die Unterwerfung unter die russische Herrschaft hingegen von Anfang an als schmerzhaft und erzwungen erlebt. Sie sind wirtschaftlich gegenüber dem Westen und verglichen mit den eigenen Möglichkeiten weit zurückgefallen. Sobald sie die Gelegenheit hatten, befreiten sie sich von der russischen Herrschaft und bemühten sich, sich dem amerikanischen Einflussbereich anzuschließen. Wie die jüngsten Kriege zeigen (Ukraine, Krim, Tschetschenien, Georgien), hat sich auch das heutige Russland nicht von der imperialen Idee verabschiedet.


Damit ist nicht behauptet, dass die USA ein Land von Engeln ist oder dass die USA nur selbstlos und uneigennützig motiviert sind.


Aber das Herrschaftssystem, das sie errichtet haben, ist in seiner Wirkung in vielem hochgradig benevolent gegenüber den Mitgliedern ihres Einflussbereichs, und zwar völlig unabhängig von der individuellen Motivation der Akteure. Das amerikanische System, wenn auch nicht unbedingt jeder der amerikanischen Akteure, ist mit Abstand ethisch und moralisch dem russischen Imperium vorzuziehen. Eine moralische Gleichsetzung kann nur jemand vornehmen, der diese Tatsachen ignoriert.


(Anm. des Autors: Die Gedanken zum Unterschied zwischen Imperium und Hegemonie sind entnommen aus: Ulrich Menzel: Die Ordnung der Welt, Berlin 2015.)



Redaktioneller Hinweis:

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(BFA - 15.05.2022)



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