Warum der Islam nicht zu Deutschland gehört?

Von Professor Heinz Theisen, islampolitischer Sprecher des BFA



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Prof. Dr. Heinz Theisen ist Politikwissenschaftler und Sprecher des Fachbereiches "Europa, Weltordnung, Islam" im Politischen Beirat des BFA

Der seit 1979 radikalisierte Scharia-Islam stellt alles in Frage, was unsere Ordnung ausmacht: Säkularität, Ausdifferenzierung der Funktionssysteme, Rechtsstaatlichkeit, Rechte des Individuums, Beschränkung der Staatsgewalt, Meinungs- und Religionsfreiheit, freiheitliche Demokratie. Die Übergänge zwischen Islam und Islamismus sind fließend. In vielen islamischen Staaten gilt heute die Scharia und selbst, wo sie keine offizielle Rechtsquelle ist, treten Mehrheiten für die Scharia als geltendem Recht ein.


Die Bekehrung der Menschheit zum wahren Glauben gilt gläubigen Muslimen als Pflicht. Multikulturelle Gesellschaften können ihnen daher nur als Übergänge gelten. Ein eigenständiger Kulturkreis Europa ist im islamischen Universalismus, dem Glauben an die zukünftige „Umma“ nicht vorgesehen.


Wie inkompatibel Religion und Politik beider Kulturkreise sind, zeigt sich heute vor allem an der Türkei. Hier dienten die letzten freien Wahlen dem lange verdeckt operierenden Muslimbruder Erdogan dazu, die autoritär durchgesetzte Laizität des Kemalismus Schritt für Schritt rückgängig zu machen. Da er diese neue Machtergreifung des Islams mit formaldemokratischen Mitteln betrieb, mussten ihm die Bündnispartner aus der NATO-Wertegemeinschaft dabei auch noch zustimmen.


Verwirrte Europäer


Je nach historischem Kontext und Denkschule lehren auch islamistische Bewegungen Zurückhaltung und Verständnis oder Härte und Intoleranz, mal Überzeugung durch die Kraft des Wortes, mal Unterwerfung durch Waffengewalt. Gerade aufgrund der Vielfalt ihrer Methoden verwirren und spalten sie die Europäer.


Es ist irritierend, wie wenig die linksliberale politische Welt bis hin zur neuen Innenministerin dem Islam entgegenzutreten bereit ist. Der Islam ist nämlich weder mit den materialistischen Idealen der alten Linken noch mit der hedonistischen Emanzipation der Grünen oder den diversen Geschlechteridentitäten der Woke-Kultur kompatibel. Im Gegenteil wäre seine Machtübernahme mit dem Ende entsprechender Gruppen identisch.


Erklärbar ist der „Islamgauchism“ nur aus der gemeinsamen Feindschaft des links-grünen Moralmilieus und der Islamisten gegenüber dem sozial unvollkommenen und religiös unreinen Westen. Dieser wird in der Tat weder den totalitären Ansprüchen diesseitiger noch jenseitiger Heilslehren gerecht. Militante Muslime gelten Kulturmarxisten als neues Proletariat, welches sich gegen den westlichen Imperialismus erhebt.


Um den „Kampf gegen rechts“ zu befeuern, werden im „eingebildeten Rassismus“ (Pascal Bruckner) Natur und Kultur, Gene und Religion durcheinander geworfen. Mit „rechts“ meint die identitär gewordene Linke nicht mehr Kapitalisten, sondern westliche Kritiker anderer Kulturen. In diesem antiwestlichen Weltbild werden nicht weniger als Christentum, Aufklärung und die liberaldemokratische Ordnung zur Disposition gestellt, ein neuerlicher „Verrat der Intellektuellen“.


Anders als die Linken hegen Liberale gegenüber dem Islam keine Freundschaft, aber sie verzichten mit ihrer einseitigen Toleranz auf Gegenseitigkeit und Wehrhaftigkeit. Damit ist im Ergebnis die Toleranz selbst bedroht. Diese Naivität setzt sich fort, wenn neuerdings „Vielfalt“ undifferenziert und immerzu als etwas positives gilt, so als ob sich in ihr nicht auch viel Übles verbergen könnte. Die gefeierte Weltoffenheit gilt dann nämlich unterschiedslos für Freund und Feind, für gemäßigte Muslime und für revolutionäre Islamisten. Unsere Offenheit geht in Schutzlosigkeit über.


Die Freiheit bewahren


Es wäre eine spezifische Aufgabe eines liberal-konservativen Bürgertums, Bündnisse zur Bewahrung der Freiheit zu schmieden - sowohl gegenüber dem inneren Kulturrelativismus als auch gegenüber dem islamistischen Totalitarismus. Auch in einer multikulturellen Welt müssen wir nach Freunden, Gegnern und Feinden der Freiheit unterscheiden.

Solange die westliche Kultur der individuellen Freiheit weiter verleugnet wird, können wir keine Erfolge in der Integrationsarbeit erwarten. Integration verlangt kein Bekenntnis zur Leitkultur, wohl aber zu unseren liberal-demokratischen Leitstrukturen.


Eine an liberalen Werten orientierte Integrations- und Bildungspolitik kann gegenüber dem Islam nicht einfach nur tolerant und neutral sein. Eine wehrhafte Bürgerlichkeit – Bürger kommt von Burg – müsste die Toleranz gegenüber kultureller Vielfalt mit der Forderung nach Gesetzesgehorsam sowie nach Anerkennung des staatlichen Gewaltmonopols verbinden, ihre Verletzung bis hin zur Ausweisung sanktionieren und den dauerhaften Bürgerstatus an ein klares Bekenntnis zur Verfassung binden.


Sie sollte unter den bei uns lebenden Muslimen vornehmlich diejenigen unterstützen, die sich aus verabsolutierten kollektiven Identitäten lösen und individuelle Freiheiten erkämpfen wollen.


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Das aktuelle Buch von Heinz Theisen "Selbstbehauptung. Warum Europa und der Westen sich begrenzen müssen" erscheint voraussichtlich im März 2022 im Olzog edition Lau Verlag.



(BFA - 25.01.2022)






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