Wird 2022 zum Jahr des Atomausstiegs?

Der Energiepolitische Sprecher Martin Wienert zum Abschalten der deutschen Atommeiler und den Plänen der Ampel-Koalition



wolfgang.kaiser@bfa-verein.de
Martin Wienert sitzt im Politischen Beirat des BFA und ist Sprecher für Energie, Klima und Umwelt

Zur Neujahrsnacht sind in Deutschland drei weitere Atommeiler vom Netz gegangen. Damit rückt der unter Rot-Grün beschlossene und unter Merkel im Hau-Ruck-Verfahren vorgezogene Atomausstieg in unmittelbare Nähe. Nur drei AKWs sind noch in Betrieb, auch sie werden zur Jahreswende 2023 abgeschaltet.


Damit gibt es in Deutschland keine Atomkraft mehr, oder besser, es wird in Deutschland kein Atomstrom mehr produziert, denn wer glaubt, Atomstrom spiele in Deutschland künftig keine Rolle mehr, der liegt gewaltig falsch.


Liest man die Pläne der Ampel zur Transformation unseres Landes, ist von dem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien die Rede, im Klartext sollen Wind- und Solarkraft in großem Umfang und zeitnah im Lande ausgebaut werden. Eine sichere Grundversorgung oder gar die Synchronisierung von Angebot und Nachfrage in der Stromwirtschaft wird man mit diesen Zufallsenergie-Versorgern aus Wind und Sonne aber nicht erreichen können. Deshalb wird im Koalitionsvertrag der umfangreiche Neubau einer entsprechenden Anzahl von Gaskraftwerken gefordert.


Aber auch das wird nicht reichen, einen immer größeren Strombedarf zu kompensieren. Von den Kosten und der Versorgungssicherheit für unser Land ganz zu schweigen. Schon jetzt sind die deutschen Strompreise weltspitze. Für 2022 steht eine Mehrbelastung ins Haus, die für eine Durchschnittsfamilie mit rund 500 Euro zu Buche schlägt. In Kombination mit deutlich steigenden Gaspreisen und allgemeiner Inflation, eine erhebliche Mehrbelastung der Bürger unseres Landes.


Schon jetzt kann die Versorgungssicherheit in Deutschland nur noch über Stromimporte gewährleistet werden. Gleichzeitig werden zu Spitzenzeiten Überschüsse aus Wind und Solar regelrecht ins Ausland verschenkt. Anders formuliert: der in Deutschland abgeschaltete Atomstrom muss aus den Nachbarländern importiert werden. Entweder als Atomstrom, oft aber auch aus dreckigen Kohlekraftwerken, die keinesfalls deutschen Standards entsprechen. Natürlich ist auf die Anlagensicherheit kein Einfluss mehr gegeben.


Ein Zurück in die Atomenergie ist in Deutschland zumindest kurzfristig nicht mehr möglich. In die vorhandenen Anlagen wurde nicht mehr investiert, neue Techniker und Ingenieure wurden nicht ausgebildet, Forschung wurde eingestellt. Damit hat sich die einst führende Nation aus dieser Technologie verabschiedet. Dem Steuerzahler kostet Merkels alternativlose Entscheidung des vorgezogenen Aus 2,4 Milliarden Euro an Entschädigungen für die Kraftwerksbetreiber.


In Europa indes erlebt die Kernkraft gerade eine Renaissance: Die EU-Kommission hat zur Jahreswende Atomstrom ein Nachhaltigkeitssiegel erteilt. Künftige Atomkraftwerke werden als „grün“ eingestuft, wenn sie gewisse Standards erfüllen.


Damit fließen künftig EU-Fördergelder in den Bau neuer Kraftwerke und in die Forschung. Der deutsche Steuerzahler wird hier in nicht unerheblichem Maße beteiligt sein, Atomausstieg hin oder her. Damit nicht genug, zahlen wir gleichzeitig, um den überschüssigen, aus regenerativen Energien erzeugten Strom, im Ausland loszuwerden. Zudem zahlen wir aber auch, um Atomstrom zu importieren, der nun künftig auch mit deutschen Steuermitteln gefördert wird, um in Zeiten der Dunkelflaute die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Damit dürften unsere Atomabschalter in erhebliche Erklärungsnot kommen.


Mit „Olkiluoto 3“ ist in Finnland europaweit der erste Neubau seit 2007 in Betrieb gegangen. Weitere Meiler werden in Frankreich, Tschechien, Finnland und Polen folgen. Gerne auch an Standorten nahe der deutschen Grenze.


Deutschland begibt sich in eine gefährliche Abhängigkeit. Hierzulande setzt man moralisch korrekt auf Zufallsenergieerzeuger wie Wind und Sonne ohne nennenswerte Speichertechnologien zur Verfügung zu haben und glaubt ernsthaft daran, damit ein großes Vorbild für den Rest der Welt zu sein.


Unter dem Strich ist der deutschen Politik nichts Besseres eingefallen, als die Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz zu nehmen, viele Milliarden Entschädigung an die Betreiber zu zahlen, um anschließend Atomstrom und auch Strom aus Kohle aus dem Ausland zu importieren. Ja, Atomstrom ist teuer zu produzieren, aber die Kraftwerke standen doch schon.


Was hätte also gegen eine Verlängerung der Laufzeit gesprochen? In jedem Falle wäre mehr Zeit gewesen die Energiewende besonnen anzugehen, anstatt nun in einem „Kopf durch die Wand-Manöver“ mit ungewissem Ausgang die energetische Versorgung Deutschlands aufs Spiel zu setzen und die Verbraucher unabsehbaren Kosten auszuliefern.


Deutschland möchte moralischer Sieger sein und der Welt demonstrieren, wie eine korrekte Energiewende auszusehen hat. Leider hat sich die Politik in Deutschland nicht nur auf diesem Gebiet vom Realismus verabschiedet.


Es bleibt zu hoffen, dass unsere Nachbarn diesen Weg nicht beschreiten werden, denn dann müssten sie an ihre eigene Versorgungssicherheit denken und Stromexporte nach Deutschland wären nicht mehr möglich. Unserem Land droht energetisch der Blackout.



(BFA - 04.01.2022)






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